
“iPhone speichert GPS-Bewegungsdaten” – so, oder so ähnlich, haben viele Medien in den letzten 2 Tagen über das heikle Thema berichtet. Die mediale Panikmache hat jedoch in vielen Fällen zur Verunsicherung geführt, anstatt die Leser, Zuschauer oder Hörer über den konkreten Bestand zu informieren und aufzuklären. Einen sehr schönen Artikel, der die Thematik zusammenfasst und den ich hier gerne aufgreifen möchte, hat Alexander Olma vom iPhoneblog.de verfasst und klärte über den Inhalt der “geheimen Datenbank” auf.
Auslöser der großen Panik ist die Datei consolidated.db. Diese befindet sich auf dem iPhone oder 3G-fähigem iPad und speichert in dieser Log-Datei jegliche Standortinformationen von verbundenen Sendemasten ab, ebenso werden diese Informationen über verbundene WLAN-Netze gesichert. Die zwei Forscher Alasdair Allan und Pete Warden veröffentlichten einen Artikel und ein Video zu der entdeckten Datei und stellten ebenfalls ein Programm mit dem Namen iPhoneTracker für den Mac bereit, um diese Datei auszulesen und auf einer Karte zu visualisieren. Die Datei consolidated.db enthält Längen- und Breitengrade der Sendemasten/WiFi-Netzwerken und den dazugehörigen Zeitstempel, jedoch keine GPS-Daten zur Position des iOS-Geräts. Durch das Synchronisieren mit iTunes gelangt die Datei mit den gesammelten Informationen schließlich auf den privaten Computer, wo diese im iPhone-Backup gespeichert wird. Hat man für das Backup die Verschlüsselung mit iTunes nicht aktiviert, liegt das Backup und somit auch die Datenbank consolidated.db entschlüsselt auf der Festplatte und kann beliebig ausgelesen werden, wie es das Programm iPhoneTracker macht. Der erste Schritt zum Schutz der privaten Daten wäre also hiermit schon genannt: Verschlüsselung der Backups. Die Verschlüsselung kann via iTunes mit einem Klick sehr leicht eingerichtet werden und erfordert die Wahl eines Passworts. Nach der Kryptographie via iTunes sind die Daten auch auf dem iPhone geschützt, solange ein Jailbreak des Geräts ausbleibt.
Das diese Daten erfasst werden und in einer Datei auf dem iPhone gespeichert werden, ist jedoch alles andere als neu. Die beiden O’Reilly-Forscher haben diesen Fakt jedoch in der Recherche übersehen und haben lediglich die Aufmerksamkeit der breiten Masse auf sich gezogen. Alex Levinson schreibt in seinem Artikel 3 Major Issues with the Latest iPhone Tracking ‘Discovery’
This hidden file is neither new nor secret.
In der Tat ist bereits vor der Veröffentlichung von iOS4 eine ähnliche Datei mit dem Namen h-cells.plist vorhanden gewesen. Die Datei wurde mit iOS4 einfach in eine andere Datei verschoben und bekam einen neuen Namen. Dieser Schritt ging einher mit der Multitasking-API für Entwickler, die Zugriff auf die Ortungsdaten benötigen. Da die Anwendungen seid iOS4 auch im Hintergrund laufen können, hat Apple hier Änderungen an der Struktur und dem Zugang zu diesen Daten geändert. Der Anwender muss vor Benutzten einer App, die Zugriff auf diese Daten haben will, dem noch zustimmen, dies ändert jedoch nichts an der Existenz der Daten. Lediglich die Art und Weise wie diese Daten bereitgestellt werden und wo sich diese befinden hat sich hier verändert.
h-cells.plist = Pre iOS 4 / Radio Logs including Geolocational Data / Hidden from Forensic Extraction (usually)
consolidated.db = iOS 4+ / Radio logs including geolocational Data / Easily acquired through simple forensic techniques
The change comes with a feature introduced in iOS 4 – Mutlitasking and Background Location Services. Apps now have to use Apple’s API to operate in the background – remember, this is not pure unix we’re dealing with – it is only a logical multitasking through Apple’s API. Because of these new APIs and the sandbox design of 3rd party applications, Apple had to move access to this data. Either way, it is not secret, malicious, or hidden. Users still have to approve location access to any application and have the ability to instantly turn off location services to applications inside the Settings menu on their device. That does not stop the generation of these logs, however, it simply prevents applications from utilizing the APIs to access the data.
Das die Entdeckung der beiden O’Reilly-Forscher nicht neu ist, ist schlussendlich an dem bereits am 5. Dezember 2010 erschienen Buch
festzumachen, welches in Kapitel 10 über die Datenbank consolidated.db informiert.
Sean and I even wrote a book detailing iOS forensics involving iOS 4 devices that came out on December 5th, 2010.
[...]
In the course of writing Chapter 10 – Network Forensics – I fully explain and detail the examination of consolidated.db and other network artifacts within the device!

Die Existenz der consolidated.db ist jedoch durch die bereits vorhandene Dokumentation oder durch die Existenz einer ähnlichen Datenbank (h-cells.plist) vor iOS4 noch nicht gerechtfertigt. Alexander Olma fragt nach, wohin diese Datenbank die gesammelten Daten sendet und beantwortet die Fragestellung mit “Nirgendwohin”.
Soweit durch Netzwerk-Analysen bekannt: Nirgendwohin. Die Datei existiert lokal und im Backup. Übernimmt man das Backup auf ein anderes iOS-Gerät, wird auch die Datenbank überspielt. Doch das ist natürlich nicht die ganze Wahrheit. Dass sich Apple generell Mobilfunk- und WLan-Daten einverleibt, ist seit letztem Sommer kein Geheimnis. Zugegeben: Zuerst war’s nie so richtig kommuniziert. Erst auf Nachfrage von zwei US-Kongressmitgliedern veröffentlichte Apple ein umfangreiches Schreiben über die Erfassung und Nutzung der Positionsdaten (PDF-Link).
Information about nearby cell towers and Wi-Fi access points is collected and sent to Apple with the GPS coordinates of the device, if available [...]. This information is batched and then encrypted and transmitted to Apple over a Wi-Fi Internet connection every twelve hours [...].
[...] to help Apple update and maintain its database with know location information, Apple may also collect and transmit Cell Tower and Wi-Fi Access Point Information automatically. With one exception, Apple automatically collects this information only (1) if the device’s location-based service capabilities are toggled to “On” and (2) the customer uses an application requiring location-based information.
Bislang bestehen jedoch keine Hinweise, dass die ‘consolidated.db’ dafür genutzt wird, diese Informationen zu übertragen. Wie das PDF-Dokument bestätigt, bedient sich Apple auf explizite Nutzer-Genehmigung auch der GPS-Daten. Da sich diese Infos nicht in der jetzt ‘aufgespürten‘ Log-Datei befinden, könnte man vermuten, dass sie nichts damit zu tun hat.
Aus Sicht des Datenschützers dürfte diese Perspektive auf die gespeicherten Daten sicherlich ein große Aufregung hervorrufen, jedoch tragen gerade diese Daten dazu bei, Verbesserungen an der Verbindung des eigenen Geräts durch den Hersteller zu erlauben. “Wer kein Interesse ander Evaluierung und Performance-Verbesserung seiner Verbindungen hat (unpersonalisiert auf Basis von Zufallsstichproben), darf so pseudo-autark gerne versuchen weiterleben.”
Wichtig ist, den Überblick über die eigenen Daten zu behalten und herauszufinden, wer auf welche Daten Zugriff hat und ob dies gewollt oder ungewollt geschieht. In Zeiten von Gowalla und Facebook oder gar Diensten wie “Find my iPhone” und Latitude darf jedoch nicht vergessen werden, welche Daten bereits freiwillig man über sich selbst der ganzen Welt zur Verfügung stellt. Die Augen vor den Fakten nicht zu verschließen und sich über den Verbleib seiner Daten bewusst zu werden gilt es im Kopf zu behalten und dabei “jedem Anbieter auf die Finger zu schauen ohne jedoch kopflos nach dem nächsten ‘iDesaster’ zu suchen.”
Wer einen Blick in die Datenschutz-Richtlinien von Apple wirft, wird bereits ausführlich über entsprechend erhobene Daten zu Standortbezogenen Diensten informiert:
Um standortbezogene Dienste auf Apple-Produkten anzubieten, können Apple und unsere Partner und Lizenznehmer präzise Standortdaten erheben, nutzen und weitergeben, einschließlich des geographischen Standorts Ihres Apple-Computers oder Geräts in Echtzeit. Diese Standortdaten werden in anonymisierter Weise erhoben, durch die Sie nicht persönlich identifiziert werden. Diese werden von Apple und unseren Partnern und Lizenznehmern verwendet, um Ihnen standortbezogene Produkte und Dienste anzubieten und diese zu verbessern. Wir geben beispielsweise Ihren geographischen Standort an Anwendungsdienstleister weiter, wenn Sie deren Standortdienste auswählen.
Wer diese Richtlinien in Kauf nimmt und somit die Nutzung in Kauf nimmt, dem sei es jedoch nicht erlaubt einen Offenen Brief an Steve Jobs zu verfassen und über die Gefahr der Standortbezogenen Daten zu klagen (“Location is highly sensitive [...]“).
Ebenfalls Unsinn ist es, durch das Löschen der Backupdatei (/Users/Library/Application Support/MobileSync/Backups/) auf dem eigenen Computer oder durch Installation der Anwendung “untrackerd” via Jailbreak, die simple Behebung des Problems zu empfehlen. Das öffnen des iPhone-Dateisystems mittels Jailbreak nimmt Personen die Interesse an entsprechenden Daten haben die Mühe ab, sich Zugang zum System zu verschaffen. Dieser ist mittels Jailbreak bereits geschaffen und muss nun nur noch richtig genutzt werden. Schlimm ist jedoch, dass die Website der CNN entsprechende (Quatsch-)Lösung via Jailbreak hier empfiehlt.
Apple speichert nicht den Ort des Geräts, sondern die Orte der Sendemasten mit denen sich das Gerät verbindet. Datenschutz ist eine wichtige Aufgabe, die zu großem Teil jedem einzelnen Anwender überlassen wird. Den Anfang jedoch mit der Datenbank gespeicherter Funkmasten auf dem eigenen Telefon zu machen, ist unverhältnismäßig.
